jana hammermann - life is golden pain, 2010
ink, acrylic on canvas
31,5 x 39 inches
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“Die Finalität ist im Bewusstsein eine hybride Kategorie. Sie hat die Tendenz, sich überall einzudrängen, wo das Denken auf Determinationsformen stößt, die es einstweilen nicht zu durchschauen vermag. Dass einzelne Kategorien sich im Denken vordrängen und gleichsam tyrannisch werden, ist eine wohlbekannte Tatsache; man denke etwa an die Substanz und an die Tendenz des unkritischen Bewusstseins, alles zu substantialisieren, was eine gewisse Geschlossenheit und Dauer zeigt. Bei der Finalität aber kommt zu dieser expansiven Tendenz noch die Fähigkeit, Lösungen alter metaphysischer Rätsel vorzutäuschen und mit einem Wurf große Mannigfaltigkeiten im Lichte einer einfachen Einheit übersehbar erscheinen zu lassen.
So ist denn das Verständnis des ganzen kategroialen Aufbaus der Natur durch das finale Denkschema in Frage gestellt. Diese Bedrohung reicht tief bis in das Denken des Alltags hinein; auch hier, wo es sich keineswegs um die großen Rätselfragen der natürlichen Ganzheiten handelt, neigt das Bewusstsein dazu, die größeren Zusammenhänge unter Finalgesichtspunkten zu sehen. Das mag für einen sehr primitiven Bedarf zureichen. Aber da alle Deutungen von Realverhältnissen den Sinn einer Orientierung des Menschen in der Welt hat, so sind natürlich auch praktisch die Grenzen eng gezogen, bis zu denen ein teleologisches Denken zureichen kann…
Warum drängt unser Denken so sehr dazu, die Welt um ihrer Einheit willen final zu verstehen, - final im Sinne einer Teleologie des Ganzen -, während sie ihm doch keinerlei Anhalt dazu bietet? Doch wohl darum, weil sie ihm gerade nicht als Einheit eines Ganzen durchschaubar ist. Es ist im Grunde die Flucht vor dem sich aufdrängenden Unerkennbaren, die Ungeduld, zu etwas Greifbarem zu gelangen, statt des unendlichen Suchens ein Ende und einen Halt zu finden…
Man ist also meist - wahrscheinlich immer - von der falschen Alternative ausgegangen, die Welt müsse entweder sinnvoll oder sinnwidrig sein. Das ist eine unvollständige Disjunktion. Der dritte mögliche Fall eben ist die bloß “sinnlose”, aber nicht sinnwidrige Welt. Das ist die Welt, die nur als Ganzes nicht auf Sinn angelegt ist, in der es aber je nach Umständen (d.h. nach der blinden Notwendigkeit des “Zufälligen”) Sinnvolles und Sinnwidriges bunt durcheinander gibt. Das Letztere aber ist es gerade, was wir in der gegebenen Welt auf Schritt und Tritt empirisch kennen. Dieses bunte Durcheinander von Sinnvollem und Sinnwidrigem braucht durchaus nicht teleologisch gedeutet zu werden; es ist ja in ihm keinerlei vorgezeichnete Richtung, und nur die gegen Ziele gleichgültige Notwendigkeit der Kausalverflechtung entscheidet über den Ausfall. Mit dem bloß Notwendigen lässt sich nicht rechten. Erst der Mensch mit seiner Umdeutung hat sich die sinnoffene Welt in eine sinnverschlossene verwandelt. Damit erst versagt er ihr die Sinngebung, die er ihr leisten könnte, und macht sie so zu einer wirklich sinnwidrigen Welt.”
Nicolai Hartmann Teleologisches Denken
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Theodor W. Adorno über die zwischenmenschliche Kälte
http://www.youtube.com/watch?v=iqIPOGIlKFI&feature=player_embedded
“Wäre diese Kälte nicht ein Grundzug der Anthropologie, also der Beschaffenheit der Menschen, wie sie in unserer Gesellschaft tatsächlich sind, wären also nicht die Menschen im Grunde gleichgültig gegen das, was mit allen anderen geschieht – außer den paar, mit denen sie eng und womöglich durch Interessen verbunden sind, so wäre Auschwitz nicht möglich gewesen. Die Menschen hätten es dann nicht hingenommen.
Die Kälte der gesellschaftlichen Monade, des gesellschaftlich isolierten Konkurrenten, ist als Indifferenz gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung dafür, dass alle zusahen und keiner sich regte.
Nun, meine Damen und Herren, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte nicht die Liebe predigen, deshalb, weil ich es für vergeblich halte, sie zu predigen, und auch, weil keiner das Recht hätte, sie zu predigen, weil jener Mangel an Liebe – ich sagte es schon – der Mangel aller Menschen ist ohne Ausnahme, so, wie sie heute existieren. Liebe predigen setzt in denen, an die man sich dabei wendet, bereits eine andere Charakterstruktur voraus. Denn die Menschen, die man lieben soll, sind ja selber so, dass sie nicht lieben können, und darum keineswegs so liebenswert.
Es war einer der großen Impulse des Christentums, dass es die alles durchdringende Kälte gefühlt hat und versucht hat, sie zu verändern. Aber dieser Versuch – und ich glaube, das muss gesagt sein, ist vergeblich geblieben, weil er nicht an die gesellschaftliche Ordnung rührte, welche die Kälte produziert und reproduziert.
Vielleicht ist die Wärme unter den Menschen, nach der alle sich sehnen, außer in kurzen Perioden und ganz kleinen Gruppen, vielleicht auch unter manchen „Wilden“, bis heute überhaupt noch nicht gewesen. Wenn irgendetwas helfen kann gegen diese Kälte als Bedingung des Unheils, dann ist es allein die Einsicht in ihre eigenen Bedingungen und der Versuch, im individuellen Bereich Möglichkeiten zu schaffen,die dem entgegen sind.
Man möchte glauben, je weniger in der Kindheit versagt wird, je besser Kinder behandelt werden, umso mehr Chance sei dazu. Aber auch hier ist vor Illusionen zu warnen, nicht nur deshalb, weil Kinder, die gar nicht die Grausamkeit und Härte des Lebens erfahren, dann, wenn sie aus dem Geschützten entlassen werden, erst recht der Barbarei ausgesetzt sind.” Theodor W. Adorno
www.weaintgotnoflowers.com
“In der Mitte der schweratmenden Stadt,
steht ein Haus, turmhoch und von vier
Seiten begehbar, dem Grundriss nach
quadratisch, in sich unterteilt in weitere,
kleinere Türme, die unterschiedlich
weit in den Himmel herein ragen. Es
ist das größte Haus in der ganzen
Stadt, genau genommen ist dieses
Haus selber eine kleine Stadt und in
diesem Haus verschwinden Jahr für
Jahr hunderte von Menschen, neue
kommen immer wieder nach und
es wohnte dort einmal ein Mädchen
(Haus 3, 15. Stock) und dieses Mädchen
ist nun ebenfalls verschwunden.
Niemand findet sie. Niemand in der
Stadt weiß überhaupt, dass sie weg ist
und Niemand meldet sie nicht. Es gibt
für das Abhandengehen von Personen
wohl eine zuständige Behörde, aber
damit diese tätig wird, muss eben erst
eine Meldung gemacht werden, doch
selbst wenn das, zu dieser inzwischen
fortgeschrittenen Zeit geschähe, es
wäre vergeblich, denn dieses Mädchen
kann nicht mehr gefunden werden und
sie ist darüber nicht einmal unglücklich…”
Antonia Baum Die Katze
jana hammermann - urban structures I, 2010
ink, acrylic on canvas, 27,6 x 39,4 inches
Urban Structures
How does reality enter our minds and what happens to it once it’s there? Questions like these are dealt with in the six-part series Urban Structures by Jana Hammermann, which explores the way reality and identity are constructed. A large part of what makes us what we are is formed against the backdrop of an understanding of reality predicated on our faith in the relative reliability of our perceptions and memories. As Wittgenstein pointed out, in order to judge whether an observation is true or false, we need to compare it to reality. Yet a move of this kind is utterly impossible, counters Ernst von Glaserfeld, the founder of radical constructivism, because in order to do so you would need to have direct access to reality – which is not the case. Human perception, he says, doesn’t mirror reality; rather each mind constructs what it holds to be true out of sensory stimuli and the workings of memory. The mind selects information, skips, distorts, cuts out details and forms new compositions. Each perception carries in it inherent elements of modification and estrangement. Yet even so, people still entertain very few doubts about the authenticity of what they’ve seen and later imperfectly recall – even if the experience is a sighting of flying saucers. People dispute things, assert things, believe and contrive things with an astonishing blind faith in the ability of their memories to deliver at all times. Nothing seems to pose more of a threat to their identity than the unreliability of their perceptions and memories. This is the theme that Hammermann explores ironically in the drawings of her Urban Structures thought experiment.
The idea for the series came to her whilst moving house when she came across an old cardboard box full of travel photographs of cities. It struck her that many of the images retained in her mind of city buildings and squares were completely different to the views presented in the actual photographs. She couldn’t immediately assign many of the photographs to a particular city and, not only had she no recollection of some of the views, but she would even have claimed never to have set foot in the places shown – even though the photographs were undisputable proof that she had been there. In the hazy half light of memory the various cities and monuments merged into a single, continuous, nameless urban structure of freely interchangeable motifs.
At first sight the cityscape elements portrayed in Urban Structures seem strikingly familiar and lead viewers to think where and when they might have seen such a building. The seemingly picture postcard nature of the works – which Hammermann believes is just as imprecise and interchangeable as a large part of her memories and, which is reflected in the title of the series – dissolve and dissipate into perspectives and structures. In exploring the depths of its subject matter, art discovers itself. This means nothing less than that art discovers its own simulacrums of reality which are deceptively similar to the actual way reality is constructed. To put this beyond the shadow of a doubt, Hammermann gives the original photos a fresh transformation. Using a Cruse digital imaging scanner, she digitises the works – all the pen and ink drawings on acrylic primed canvas and cardboard – inverts the colours and prints the pictures on aluminium dibond plates. Only images and subjective modifications of reality remain, most of which we forget, even though we still stylise them into a sense of identity.
The interpretation of the world as a subjective intellectual construct is reflected in Hammermann’s works as the ceaseless switch-over between reality and fiction. Urban Structures embodies the clash between traditional, standard aesthetics and surrealistic visual coding. Where does observation end and supposition begin? This is how it could have been, the pictures seem to claim, yet it could always have been completely different. Strange objects and dreamlike distorted perspectives give a disturbing counterpoint to seemingly familiar views of bridges, gates and buildings and highlight the tenuous fragility of what we mean when we talk of our own understanding of reality.
Hammermann’s starting point is that all perceived conditions and circumstances are rooted in human – and therefore uncertain – suppositions. Her Urban Structures are imbued with a sense of instability and have something of nebulous character of fleeting memories and the brittle realism of dreams. A brooding sense of immobility hangs over all the views: these are places devoid of human life and shunned by nature. Little remains after deconstruction of our understanding of reality, and that little can be reduced to the basic element of human nature – inner isolation. Fragments of the urban landscape are robbed of their context and stand isolated in their meaning. Like reality, identity appears as a construct – subjective, changeable and fragile. The stripping away of surface colour and emotion and the return to the specifics of the structural void is an essential part of the progression and enhancement of the real into the unreal. In this way Hammermann’s Urban Structures bring the actual structures of “true reality” step by step to the forefront. And “true reality” can and should be nothing else than the plurality of truth which Hammermann believes is the key to a “better world”. Only if we are fully conscious of our own fallibility, can we accept other realities different to our own.









